Brief an einen Freund

Hallo Gerry.

»Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahnsinn zerstört, verhungernd hysterisch nackt …«

So begann Ginsberg einst Howl und widmete das Gedicht Carl Solomon, den er passenderweise in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte.
Warum der Einstieg so verläuft und nicht anders: Es verhält sich neu. Beste Köpfe einer Generation, das, was die Beats und er von ihrer Generation behaupten konnten, ist vergangen.
In meiner Generation gibt es keine besten Köpfe, es gibt nichts als Moloch und Klingeltöne, es gibt Synapsen, Lebende Tote, Hirntote, die es tatsächlich vollbracht haben, ihre ›Instinkte‹ (ich rede unkonventionell von diesem Wort) auszuschalten, völlig zu ignorieren, es sei denn, es handelt sich dabei um Fressen, Saufen und Gierbefriedigung. Andere Kategorien müssen her, besser Bezeichnungen, Bezeichnungen wie ›nett‹, ›freundlich‹, ›intelligent‹, ›gebildet‹, ›unmenschlich‹ etc. Brief an einen FreundGut ist vergangen, besser ebenfalls.
Ich höre mich schon an, wie die Hobbymisanthropen, die ewig und drei Tage lang Moralinflation bedauern und dem Sünder oder Beter ein ›Früher war alles besser‹ hinterher schreien, nur um selbst nicht mitgerissen zu werden, wenn der Sturm ungünstige Winde wirft.
Ich will so nicht klingen, bin aber doch dazu gezwungen, weil es sich oft so verhält. Ich mache bei mir keine Ausnahme und bin ähnlich dir dem Wort ›Elite‹ abgeneigt, man warf es mir zu oft an Herz und Hirn, als dass ich es noch mögen könnte.
Ich habe den oben besagten Frühermenschen gegenüber einen Vorteil, der mich dazu berechtigt, all das genauso zu sagen: Ich bin ein Teil meiner Generation.
Ich kenne viele Menschen meines Alters und auch das mediale Gesamtbild, und niemand ist ein potenzieller — wie du es passend zu nennen pflegst — Vervielfältiger der Veränderungen, allenfalls ›Feststeller der Tatsachen‹. Entweder ein auswegsloser Pessimismus, oder ein abgestumpftes, ungebildetes Nichtbemerken ist vorhanden, allenfalls ein achselzuckendes »Ich weiß, dass es besser sein könnte, sehe aber keine Zeit, keinen Sinn und keine Möglichkeit darin.«; meine Zeit baut auf Zeitvertreib und Schulwissen. Zu letzterem zu späterem Zeitpunkt mehr. Ich bin eigentlich kein Idealist. Da fehlt mir die Naivität zu. Ich bin spontan. Ich tu dies und lasse das, wenn es mir in dem Moment vertretbar und notwendig vorkommt, nicht, weil ich aus Prinzip handeln würde.
Hast du Prinzipien, Gerry? Ich habe mir ein nützliches ohne besondere Wichtigkeit zugelegt. Schreib nichts, was du nicht auch auf deinen Grabstein schreiben würdest.
Wobei auch Grabsteine sehr egal sind. Außerdem passt nicht alles thematisch, von Qualität allein rede ich. Das nur am Rande.