Brief an einen Freund
Ich habe einmal ein fürchterliches Gespräch mit einem Idioten geführt, der vor nichts Angst hatte, außer davor, dass ›Europa‹ (wieder so eine Krankheit, die Welt zerteilen nach geografischen, sprich militärisch gesteckten oder wirtschaftlich günstigen Maßstäben … nach Kultur fänd ich da schon sinniger.) vom Islam überrollt wird. Alles wird und wurde immer wieder überrollt. Krieg, Völkerwanderung, Vesuvausbrüche, Tschernobyl, Religionseifer, ganz im Trend liegend ›Terror‹ (verbales, mediales Stendhalsyndrom, ich werde krank, wenn ich dieses Wort nur höre) oder was auch immer. Er hatte auch ganz vergessen, dass das Christentum einst ebenso Überroller war. Effekt des Gespräches war leider, dass er beruhigt zu sein schien.
Der Untergang des Abendlandes … es klingt so apokalyptisch. Ich lass mich wertungsfrei einfach mal überraschen. Die besten Plätze sind schon reserviert.
Aber dies sollte ja eigentlich kein Brief sein, der den Verfall unserer super ›Gesellschaft‹ beklagt. Auch Moral ist mir stellenweise ziemlich egal. Es dreht sich bei mir nur um Verantwortung (wie dauernd nicht im herkömmlichen Sinn). Kann ich in diesem Moment ver-antworten, dass eine Frau stirbt, wenn ich nicht helfe?
Das ist alles. Maßstäbe und Imperative und Postkartenaphorismen und Grundsätze werden immer dann unbrauchbar, wenn sie sich nicht mehr übertragen lassen. Und das geht sehr schnell. Aus dem Nichts ins Vieles/Alles. Mit Kants kategorischem Imperativ verhält es sich nicht anders, bigott, wie er ist und gebraucht wird.
Jedenfalls ist Alter für mich nebensächlich und für viele ein Problem, denn sie ordnen den Zahlen Werte zu, die dann plötzlich nicht immer den Erwartungen entsprechen müssen, wobei sie letzteres vergessen. Dann kommen solche Sachen zustande wie Unterschätzungen, Vermeidungen und Respektlosigkeit. Es war mir jedenfalls eine Ehre, von O. unterschätzt zu werden. Worauf ich hinaus will, und wofür ich jetzt schon zwei Seiten gebraucht habe, ist, dass ich anderes will. Ich werde darin jedoch gehindert, von Sartres ›Anderen‹ (vgl. dazu ›Meine Höllen‹/durch fremde gärten und gesichter.) und durch den Drang, die Pflicht mir selbst gegenüber und durch den Willen dazu, auf ermüdende und inzwischen regelrecht zermürbende Weise stets unter Beweis zu stellen, dass ich nicht so bin. Dass Ich ein Anderer ist. Und das ist Ich, in jeder Hinsicht. Rimbaud wusste seit jeher, was ich fühle, besser, sagte mir, was ich fühlte.
Ich sehe, wie diese Zeit ist, wie ich bin, wie meine Generation ist, wie meine Anderen sind. Und will gleich zu Beginn jeder neuen Unterhaltung, jeder Bekanntschaft deutlich machen, dass ich alles tue, nicht meinem Alter und meiner Umwelt zu entsprechen. Ich muss es regelrecht, denn manchen und leider viel zu vielen muss man seine Würdigkeit, wenn nicht sogar seine Würde, unter Beweis stellen, damit sie mich beachten und nicht abwinken.
Das ist es, was mich stört. Krampfhaft und krankhaft die Flagge hochzureißen, weil andere sich dran aufgeilen müssen. Ich will keine Flaggen. Keine Banner. Ich selbst bin es. Und ich hasse es, gehisst zu werden. Ich weiß, dass es nichtig ist.
Man sagt mir immer wieder jugendliche Rebellion nach, sagt mir Pubertät ins Gesicht, grenzenlosen Pessimismus und Negativität, die man angeblich in meinen Texten finden kann. Ich sah, dass man nichts verstanden hatte, nichts davon, was ich tat. Ich war und bin jugendlich, will aber so grenzenlos Universelleres, Größeres, als aufwiegeln und betrauern und meckern. War es Thomas, der sagte: „Schreibe ein neues Gedicht, und das Universum wird ein anderes sein.“? Vervielfältiger der Veränderungen. Unser beider Ziel. Und niemand begreift es. Hat es mit Verstand zu tun, oder mit Wille?