Brief an einen Freund

Ich begreife mich als einen Zyniker, aber als einen Menschen mit Humor. Nur versteht man mich nicht wirklich, und wenn, dann nicht richtig. Ich bin immer auf der Suche nach etwas Vollendetem, nach dem perfekten Gedicht, nach Allem und Nichts in seiner knappsten Form. Ein immer und nie gültiger Ausdruck, etwas alles und nichts Erfassendes. Etwas, was ich mir tätowieren lassen würde, weil ich es nie bereuen könnte, so wahr und falsch und ewig und unewig, wie es ist. Und doch begreife ich mich nicht als Perfektionist. So viel zu meiner Selbstsicht.
Brief an einen FreundMan wirft mir in älteren Generationen vor, siebzehn zu sein. Man wird nicht ernst genommen, weil man dieser meiner Generation entspringt. Ich hatte fantastische Gespräche, die mir die Hoffnung gaben, es sei nicht so düster, wie ich vorher dachte. Nach einiger Zeit fragt man sich häufigerweise nach dem gegenseitigen Alter. Wenn ich das dann nenne, werde ich kommentarlos stehen gelassen (es handelte sich hierbei nicht um Gespräche, deren Fortsetzung eines hohen/gleichen Alters bedurften). Man kann nicht begreifen, wenn ein Jüngerer irgendwie älter ist. Man sah mir mein Alter nie an, ich war äußerlich immer einige Jahre voraus. Innerlich manchmal ja, manchmal nein. Es klingt so egomanisch und arrogant. Aber du kennst mich und das ist alles, was ich wissen muss.
Die Menschen haben ein Problem mit Linearität, haben Angst davor, dass irgendwann nichts so bleibt, wie sie es gerne haben, deshalb erfinden sie allerlei Daten, Feste, Anlässe, feiern fremde Geburtstage, beschenken und bekreuzigen sich dazu, nur um sich immer wieder vorzumachen, dass das Leben kreisförmig verläuft und man nur die Windungen zählen muss. Sie entwickeln Kalenderrechnungen und tun allerlei Unfug. Sie vergessen, dass Zeit nicht existiert, nur Abläufe, die diese und jene Dauer haben. Man fing an, sie zu messen. Vermessungen abstrakter Dinge, Übermathematisierungen (dass ich das beschreie, erklärt sich aus meinem Wesen und war nie anders oder ungewohnt). Ein Leid, das Haller ebenso bedauert wie ich. Die Mathematik ist zweckentfremdet worden, man tut jeden sinnlosen Mist mit ihr, nur um zu ergründen, wie sie arbeitet. Wenn man sie braucht, ist man erklärungslos. Wozu den Weltumfang berechnen? Wozu, Gerry? Was haben wir davon, jetzt, unmittelbar in unserem Leben, an diesem Tag, in dieser Existenz? Nur weil es interessant ist? Befriedigung kindlicher Entdeckungslust in genialen Köpfen ausgetragen, die jeder anzubeten hat. Ich glaube nicht daran.
Es gibt kein Alter, keine Siebzehn, es gibt nur Summen aus Erfahrungen. (Oder Produkte, ich bin mir da nicht sicher und werfe seit jeher jegliche Rechnungsoperationen wild durcheinander.)
Damit kommen Menschen nicht klar, sie klammern sich an Zahlen und Werte und sind verwirrt, wenn mal hier und da ein Graph anders verläuft als gedacht. Ordne ich ›Alter‹ auf der x-, ›Intelligenz‹ auf der y-Achse an und male eine Funktion hinein, sieht es nicht immer so aus, als wäre es leicht abzuschätzen gewesen, wenn sie eine hohe Steigung hat. Die Menschen kommen mit Visionären, Ideellen, Idealisten, mit Träumern und Avantgarde, mit Intellekt, Verstand, Klugheit, was auch immer man damit meint und wie auch immer man diese Begriffe einordnet, nicht klar. Was sind die besten Köpfe welcher Generation? Geht’s bergab? Nehmen die Köpfe in ihrer Anzahl ab? Du hast nach Spengler berechnet, was man den ›Untergang des Abendlandes‹ nennt. Treiben wir dahin? Was entsteht? Was bleibt?